Auszug Asher Bale
Mal etwas anderes, für euch, eine Szene aus meinen Romanen, die ich geschrieben habe. Stammt aus Band 4, mittendrin.
[...]
Montage mochten mich nicht. Ich mochte Montage auch nicht, also war es wenigstens gegenseitig. Der Laden war still, als ich aufschloss. Das Glöckchen über der Tür klang dünn und verschlafen, als hätte es sich innerlich noch nicht zu einem neuen Tag durchringen können. Ich machte das Licht an, eine Reihe nach der anderen, bis die Regale nicht mehr wie Schatten wirkten, sondern wie… na ja. Volles, halbwegs sortiertes Chaos. Kräuter in Gläsern, Tarot in Schachteln, ein paar wenige Amulette in der Vitrine, die noch darauf warteten, dass sich jemand in sie verliebte.
Mein Körper war nicht verliebt in gar nichts. Die Wunde in der Seite war geschlossen, aber sie meldete sich bei jeder Drehbewegung. Der Arm fühlte sich an, als hätte ich ihn in zu heißes Wasser gehalten und dann vergessen rauszunehmen. Die Art Heilschmerz, die sagt: ›Ich arbeite, halt den Mund.‹ Ich lehnte mich kurz an den Tresen, bevor ich die Kasse einschaltete, dann ließ ich mich auf den Hocker sinken. Nur ein Augenblick, Kopf auf den Unterarm abgelegt, Augen zu. Der Laden roch nach Tee, nach Büchern und ein bisschen nach der Räuchermischung, die Dan vor kurzem zu enthusiastisch ausprobiert hatte. Kein Drache, kein Beton, kein Blut. Gut.
Die Tür ging auf. »Guten Morgen, Sonnenschein«, sagte Dan. Ich hob den Kopf. Er trat herein, eine Hand an der Tür, die andere mit einem Pappbecher von Jo & Nika’s, als würde er heiliges Wasser bringen. Nora kam hinter ihm, mit dem Gesichtsausdruck einer Person, die den Montag persönlich nimmt, ihn aber dennoch hinnimmt. »Du siehst beschissen aus«, stellte Dan fest, stellte den Kaffee vor mir ab und beugte sich vor, um mich genauer zu mustern. »Auf einer Skala von ›zu wenig Schlaf‹ bis ›hätte im Krankenhaus bleiben sollen‹ bist du bei…« Er schob mein Kinn leicht mit zwei Fingern hoch. »…›The-Walking-Dead Visagisten würden dich beneiden‹.«
»Danke«, murmelte ich. »Ich hatte gehofft, dass man es nicht sieht.«
»Wir kennen dich«, sagte Nora und hängte ihre Jacke an den Haken. »Wir sehen es.« Sie umrundete den Tresen, legte die Hand leicht an meinen Rücken. »Du bist drüber.«
»Drüber?«, fragte ich.
»Über dem Punkt, an dem dein Körper sagt: ‘Bitte zwölf Stunden schlafen’«, erklärte sie. »Und deutlich drunter, was du ihm gibst.«
»Ich hab geschlafen«, verteidigte ich mich. »Vier Stunden. Und Reis gegessen. Katla hat darauf bestanden.«
Dan zog die Brauen hoch. »Ah. Also hat sie dich doch nicht gefressen.«
»Sie hätte mich nicht gefressen«, sagte ich. »Vielleicht hätte sie zugeguckt, wie ich koche, und passiv-aggressive Kommentare zu meinem Salzverbrauch gemacht. Aber dazu kamen wir nicht.«
Sie tauschten einen Blick. Der ‘Was hat er angestellt’-Blick. »Was ist passiert?«, fragte Nora. »Geht's darum, was Dragomira gesehen hat?.«
»Später«, sagte ich automatisch. »Lass uns erst…«
Die Luft änderte sich minimal, noch bevor ich etwas hörte. Ein vertrautes, leichtes Prickeln in der Magie, als würde jemand eine Saite anschlagen, die durch den Laden lief. Die Tür öffnete sich, Dragomira trat ein. Sie trug einen langen Mantel, der eher nach englischem Herbst aussah als nach L.A.-Winter, und schob die Kapuze zurück. Ihre dunklen Augen gingen einmal durch den Raum. Blieben an mir hängen. Ein Hauch von etwas, das nach ›ich hab’s gesehen, bevor du es erlebt hast‹ aussah, flackerte in ihrem Blick. Dann war es weg. »Ihr seid früh«, sagte sie.
»Du auch«, entgegnete Dan.
»Ich spüre, wenn jemand Zucker braucht«, sagte sie schlicht. Sie schob sich an Dan vorbei hinter den Tresen, als würde sie den Laden genauso besitzen wie wir. »Setzt euch. Ich mache euch etwas Warmes. Und ich hab Donuts geholt. Industriemüll in Teigform. Aber ihr esst sie ja trotzdem gern.«
»Ich bin nicht hungrig«, protestierte ich reflexhaft.
»Nein«, sagte sie. »Du bist nur fast verbrannt worden.«
Dan erstarrte. »Was?«, fragte er.
Nora sah von Dragomira zu mir. »Verbrannt?«, wiederholte sie.
Dragomira öffnete einen der Schränke, holte eine Blechdose mit Tee heraus, den ich für den Laden gekauft, aber selten selbst angefasst hatte, weil ich nicht sicher war, ob ich ihn mir leisten wollte.
»Erzähl«, sagte Dan leise. Es klang nicht befehlend, aber nah dran.
Ich seufzte. »Ich wollte noch Kaffee trinken, bevor ihr mich verhört.«
»Wir haben Kaffee dabei«, sagte Dan und schob mir den Becher näher. »Multitasking.«
Ich nahm einen Schluck. Die Wärme schob sich durch die Rippen, runter zum Bauch, wo mein Körper immer noch sehr genau wusste, dass da gestern ein Loch gewesen war. Dragomira stellte den Wasserkessel auf die Platte, es erklang das vertraute Klicken, ein beruhigendes Geräusch. »Okay«, sagte ich. »Kurzfassung.«
»Deine Kurzfassung oder eine Version, die auch wir verstehen?«, fragte Dan.
»Ihr seid heute sehr respektlos«, murmelte ich. »Sanchez hat angerufen. Sepulveda Basin. Etwas neues, diesmal keine Erwachten.«
Nora verzog das Gesicht. »Das klingt nicht gut.«
»War es auch nicht«, sagte ich. »Da war ein Riss. Im Schleier. Klein, aber… genug. Etwas ist durchgerutscht.«
Dan lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tresen. »Etwas?«
»Drache«, sagte ich. »Klein. Viel Zahn. Viel Schwanz. Wenig Humor.«
Nora blinzelte. »Du machst Witze.«
»Würde ich bei Drachen nie«, sagte ich. »Er war… hm.« Ich suchte nach einer Beschreibung, die nicht alles wieder aufriss. »Nennen wir es einen sehr aggressiven Salamander mit Fernkampfoption.«
Dragomira stellte drei Tassen auf den Tresen. »Es war kein Drache«, korrigierte sie. »Aber ähnlich. Ein Drakonid aus einer Dimension, die sich normalerweise niemals öffnet.«
Dan starrte sie an. »Du hast das gesehen?«
»Ich habe gestern sehr schlecht geschlafen«, sagte sie knapp. Sie goss das Wasser auf, der Duft von Kräutern breitete sich aus, etwas mit Zitrus und einem Hauch Minze. »Manche Dinge sind zu laut.«
Ich senkte den Blick auf den Tresen. »Katla und ich sind runter.«
»Natürlich«, murmelte Dan. »Denn warum sollte man auch jemanden schicken, der für sowas ausgebildet ist.«
»Ich passe in Löcher«, sagte ich trocken. »Als Fuchs zum Beispiel. Das ist mein Skill.«
»Du bist nicht dafür gemacht, alles zu stopfen, was im Schleier schiefgeht«, sagte Dragomira ruhig. Sie stellte mir eine Tasse hin. »Trink.« Ich tat es. Es war heiß, fast unangenehm, aber es sortierte die Gedanken in meinem Kopf ein Stück weit. Dan starrte mich an, als könnte er durch meine Haut sehen. »Wie knapp?«, fragte er schließlich. »Eins bis zehn.«
»Was ist zehn?«, fragte ich.
»Tot«, sagte Nora.
»Für einen Menschen? Dann war es irgendwo bei… acht?«, sagte ich. »Neun, als er mich an die Wand genagelt hat und ich nicht weg kam.«
»Was?«, sagten beide gleichzeitig.
Ich fasste mir an die Seite. Durch das T-Shirt und die Jeans fühlte ich das Ziehen der frisch verheilen Muskeln. »Er hatte… Spieße im Schwanz«, erklärte ich knapp. »Und die waren keine Zierde. Katla war rechtzeitig da. Mehr muss ich mir heute nicht noch mal vorstellen.«
Es wurde kurz sehr still. Dan brauchte einen Moment. Dann hob er den Kopf. »Und der Schleier?«, fragte er. »Ist das… jetzt normal? Drachen-Wochenmarkt im Regenabfluss?«
»Nein«, sagte Dragomira. »Aber es passiert.«
»Wegen mir«, kam es mir heraus, bevor ich es filtern konnte.
Drei Blicke richteten sich gleichzeitig auf mich. »Was?«, fragte Nora.
Ich starrte in meine Tasse. »Also, ich weiß es nicht genau. Diese Struktur, die Zachary in den Schleier bauen ließ. Ich habe sie zerstört. Vielleicht…« Ich zuckte mit einer Schulter. Es tat weh. Gut so. »Vielleicht habe ich ja zu viel zerrissen.«
Dan verzog das Gesicht. »Also glaubst du, du hast aus Versehen die Klimaanlage rausgerissen, die alle Katastrophen filtert?«
»Nicht alle«, sagte ich. »Aber vielleicht ein paar.«
»Du überschätzt dich«, sagte Dragomira ruhig. »Und unterschätzt den Rest der Welt. Du hast etwas entfernt, das nie hätte da sein dürfen. Der Schleier ist stark, die Schleierweber sind älter als Morvyn. Er wird nicht von dir zerstört.«
»Aber er ist beschädigt«, wandte ich ein. »Du hast es selbst gesagt. Das sind Risse. Und es gibt kleine Dinge, die durchkommen.«
»Ja«, sagte sie. »Und das hat jemand anderes getan. Nicht du, aber einer derer, die glauben, sie könnten mit fremder Macht spielen, ohne dafür zu bezahlen.«
Dan schnaubte. »Na klar«, sagte er. »Der Schleier hat Risse und du denkst sofort: bestimmt war ich das. Als wärst du das einzige Chaos auf der Welt. Du bist wie dieses Kind auf dem Spielplatz, nach dem alle fragen, wenn jemand Sand in die Rutsche gekippt hat.« Er stieß mich leicht mit der Schulter an. »Aber im Ernst: Wenn das ganze System wirklich von einem einzelnen Stecker abhängt, den man aus der Wand ziehen kann, will ich dessen Architekt nicht kennenlernen.« Er grinste kurz. »Es macht trotzdem Spaß, dir die Schuld zu geben.«
Ich zog den Mundwinkel hoch. »Danke.«
Dragomira legte mir eine Hand auf die Schulter. »Du bist nicht der Auslöser«, sagte sie. »Aber vielleicht will man es dir unterschieben.«
»Beruhigend«, sagte ich. »Hoffentlich sieht das Konklave es eher wie du.«
Dan wollte etwas erwidern, aber in dem Moment kam jemand durch die Tür. Das Glöckchen jammerte leise, als habe es auch keine Lust. Eine junge Frau trat ein. Anfang zwanzig, vielleicht. Sie hielt das Handy in der Hand, hatte lange künstliche Wimpern und trug einen Hoodie mit irgendeinem Logo. »Hi«, sagte sie. »Äh, sorry, ich war… schon mal hier.«
Natürlich war sie das. Ich erkannte sie, bevor mein Gehirn den Namen fand. TikTok. Die, die das Video verehrte, in dem ich aussah wie ein schlecht ausgeleuchteter Vampir. »Willkommen zurück«, sagte ich höflich. Meine Stimme klang erstaunlich normal. »Kann ich dir helfen?«
»Also«, sagte sie und hielt mir direkt ihr Handy hin. Auf dem Display war ein Standbild aus dem gleichen verdammten Video: ich im Laden, im Halbschatten, die Augen rot leuchtend mit schwarzen Adern drumherum, die Haut zu blass im Filter. Darüber war Text: Ich glaube, mein Hexenladenbesitzer ist ein Vampir?? »Das hat jetzt über vierhunderttausend Views«, erklärte sie. »Und die Kommentare sind so krass. Alle sagen, du siehst original aus wie der Typ aus einer Vampirserie.« Sie grinste breit. »Also. Bist du’s?«
Dan stöhnte leise. Nora rieb sich über die Stirn. Dragomira nahm einen Schluck Tee, sehr demonstrativ, als ginge sie das nichts an. Normalerweise hätte ich gelächelt, irgendetwas Entwaffnendes gesagt. ›Nein, ich bin einfach nur schlecht im Schlafen‹, zum Beispiel. Oder ›Ich sehe im Tageslicht nicht so funkelnd aus‹. Heute war Montag. Zu wenig Schlaf, zu viel Schmerz und zu viele Dimensionen. »Natürlich«, sagte ich trocken. »Wir haben montags Rabatt.«
Ihre Augen wurden groß. »Wirklich?«
»Nur auf Blut«, fügte ich hinzu. »Alles andere ist regulär.«
Dan verschluckte sich an seinem Tee. Nora starrte mich an, als hätte ich gerade angekündigt, wir würden auf Hühnerbeinen in eine andere Dimension spazieren.
Die Kundin lachte unsicher. »Haha«, sagte sie. »Sehr witzig, aber ernsthaft. Du vermeidest ja voll das Licht.« Sie hielt das Handy etwas höher, als würde sie versuchen, mich in einem besseren Winkel zu erwischen. »Kann ich ein Video machen? Meine Follower rasten aus.«
»Nein«, sagte ich.
Sie blinzelte. »Wie – nein?«
»Wie in: keine Aufnahmen im Laden«, präzisierte ich. »Datenschutz. Manche Leute wollen nicht im Hintergrund deiner Vampir-Doku auftauchen.«
Sie sah sich um. »Hier ist doch keiner.«
»Heute nicht«, sagte ich. »Aber die Regel bleibt.«
»Da steht aber kein Schild«, wandte sie ein und deutete zur Tür.
»Stell dir vor, es wäre da«, murmelte ich. »Du wirkst kreativ.«
Dan presste die Lippen zusammen, weil er lachte. Nora starrte ihren Tee an, als stünde darin ›Bitte sag einfach einmal etwas Normales‹.
»Okay«, lenkte die Kundin ein, wobei ihr Ton verriet, dass sie nur die Taktik wechselte. »Dann… vielleicht ein Selfie? Draußen? Nur wir zwei. Kein Laden, kein Datenschutz.« Bevor ich reagieren konnte, war sie schon um den Tresen herum, kam viel zu nah, mit der Hand auf meiner Schulter. Der Schmerz in der Seite meldete sich sofort, scharf und genervt. Ich zuckte leicht, versuchte, es nach einem Schritt zurück aussehen zu lassen. »Nur ganz kurz«, sagte sie, hob das Handy und drehte es in Selfie-Position. Das Display blitzte kurz auf, die Frontkamera fing uns ein, bevor mein Gehirn das Wort Nein zu Ende buchstabiert hatte. Dann griff sie nach meinem Arm. »Whoa«, sagte sie. »Du bist voll kalt.«
»Schlechte Durchblutung«, sagte ich.
Sie lachte, ließ aber nicht los. Ihre Finger wanderten ein Stück tiefer und suchten offensichtlich meinen Puls. »Nur zum Check«, meinte sie. »Meine Community will Beweise.«
Ich hob eine Braue. »Deine Community bekommt genau gar nichts von meinem Herzschlag«, sagte ich ruhig. »Ich mag es, wenn er mir gehört.« Ich spannte unwillkürlich die Muskeln an.
Sie drückte fester, an der falschen Stelle. »Okay, das ist creepy«, murmelte sie nach ein paar Sekunden. »Ich fühl da gar nichts.«
»Vielleicht, weil du gerade auf einer Sehne rumdrückst«, sagte ich trocken und zog den Arm resolut zurück. »Mein Kreislauf ist kein öffentliches Forschungsprojekt.«
Ihre Augen glänzten. Nicht vor Einsicht. Vor Begeisterung. »Das ist genau das, was ein Vampir sagen würde«, flüsterte sie. »Du bist so soft-spooky, ich liebe das.«
Ich rieb mir unauffällig das Handgelenk. »Nenn es, wie du willst«, sagte ich. »Aber keine Videos. Kein Selfie hochladen. Du kannst gern erzählen, dass ich unhöflich bin. Damit kann ich leben.«
»Unhöflich, kalt, kein Puls«, zählte sie auf. »Meine Follower drehen durch.« Sie grinste. »Ich poste das. Also… die Story.«
»Sehr großzügig«, sagte Dan trocken.
Sie grinste schief. »Vielleicht auch, dass du es voll abstreitest. Das finden alle immer noch verdächtiger.« Sie zwinkerte. »Meine Follower lieben eine gute Verschwörung.«
»Bitte erwähne wenigstens, dass wir auch ganz normale Kräutertees verkaufen«, sagte Dan trocken.
»Klar«, sagte sie. »Hexenladen mit Echtem-Vampir-Besitzer. Das bringt euch doch Kunden, oder?«
»Wir arbeiten noch an der Zielgruppe«, sagte ich.
Sie kaufte am Ende nichts, machte aber noch zwei Fotos von der Tür, von der Auslage und von Dan, der den Kopf schüttelte, als wäre er in eine sehr spezielle Art Realityshow geraten. Sie winkte, als wären wir alte Freunde, und trottete zur Tür. »Bis dann, Mister Maybe-Vampir«, rief sie noch und verschwand. Das Glöckchen klang erleichtert.
Es dauerte genau drei Sekunden, bevor die erste Reaktion kam. »Bist du völlig irre?«, fragte Dan. »Blut-Rabatt?«
»Ich habe nichts von Menschenblut gesagt«, murmelte ich.
»Asher«, sagte Nora. Es war erstaunlich, wie viel Enttäuschung in zwei Silben passte. »Sie hält dich jetzt noch mehr für einen Vampir.«
»Sie hält mich sowieso für einen Vampir«, sagte ich. »Das Internet hält mich für alles Mögliche. Wenn ich anfange, jede Theorie zu korrigieren, habe ich keine Zeit mehr, Drachen zu bekämpfen.«
Dragomira stellte ihre leere Tasse ab. »Du bist müde«, sagte sie schlicht. »Dein Sarkasmus ist in der Phase, in der er Schaden anrichtet.«
»Danke«, sagte ich. »Ich fühle mich geehrt, gesehen zu werden.«
»Ich meine das ernst«, sagte sie. »Gerüchte haben Gewicht. Für manche sind sie Wahrheit. Und Wahrheit ist in unserer Welt ein Werkzeug.«
Dan nickte. »Wenn irgendwo wirklich mal ein Vampir Mist baut, und der einzige Verdächtige bist du…«
»…dann finden sie mich schneller als alle anderen«, vollendete ich. »Ich weiß.« Ich seufzte.
Nora stützte das Kinn in die Hand. »Du musst es nicht witzig machen«, sagte sie leise. »Du darfst auch sagen, dass es dir zu viel wird.«
Ich öffnete den Mund, um zu protestieren. Schloss ihn wieder. Sie hatte recht, das war das Nervigste. »Es wird mir zu viel«, gab ich zu. »Aber wenn ich darüber nachdenke, wird es schlimmer. Also mache ich Witze, bis mein Gehirn aufholt.«
»Auf einer Skala von ›leicht sarkastisch‹ bis ›bitte ins Bett legen‹ bist du bei ›bekämpft Drachen und Teenager gleichzeitig‹«, stellte Dan fest.
»Ich mag die Skala«, sagte ich. »Sehr wissenschaftlich.«
Die Ablage hinter dem Tresen vibrierte leise, bevor das Telefon läutete. Nicht unseres. Nora nahm ihr Handy in die Hand. Ihre Stirn legte sich in Falten, als sie aufs Display sah. »Mama«, sagte sie. Das war selten ein gutes Zeichen, wenn es mitten am Tag und ohne Vorwarnung kam. Sie nahm ab. »Hey«, sagte sie. »Alles gut?« Es folgte eine längere Pause. Wir hörten nur ein gedämpftes Rauschen, ihre Mutter sprach schnell und mit dieser speziellen Mischung aus Sorge und praktischer Effizienz, die Nora manchmal erbte. Noras Gesicht wurde langsam blasser. Sie ging ein paar Schritte zur Seite, als wollte sie uns Raum geben, aber wir hörten trotzdem Bruchstücke. »…gefährlich?…«, »…Gott, Touristen haben gefilmt…«, »…kann nicht ein normaler Wal sein?…« Mein Magen machte einen sehr speziellen kleinen Sprung. Dan und ich tauschten einen Blick. Dragomira war bereits einen halben Schritt näher an Nora herangerückt. »Okay«, sagte Nora schließlich. »Bleib ruhig. Sag den Leuten, sie sollen… ich weiß, du kannst sie nicht einfach vom Steg jagen, aber… ja. Ja, wir kommen. Ich ruf gleich nochmal an.« Sie legte auf, atmete einmal kurz zu tief ein.
»Ist was auf Santa Catalina?«, fragte ich.
Sie nickte. »Mateo kam von einer Tour zurück«, sagte sie. »Da war… etwas im Wasser. Klang sehr ungewöhnlich.« Sie sah mich an. »Touristen haben es gefilmt.«
»Natürlich tun sie das«, murmelte Dan. »Wenn Noah heute leben würde, gäbe es vom ganzen Sintflutprojekt eine TikTok-Compilation.«
Dragomira verschränkte die Arme. »Der Schleier wieder«, sagte sie. Sie schloss kurz die Augen, als würde sie horchen. »Es ist neugierig. Und es gehört nicht hierher.«
»Ist es gefährlich?«, fragte Nora.
»Für die Geheimhaltung?«, fragte ich. »Sicher.« Ein Montag. Ich hatte das Gefühl, dass der Tag gestern irgendwo vergessen hatte, aufzuhören. »Wir machen den Laden zu«, sagte ich. »Für heute reicht’s.«
Dan nickte sofort. »Ich stell das Schild um.« Er ging zur Tür, drehte ‘Offen’ auf ‘Geschlossen’. »Montags-Spezial: wegen interdimensionaler Meeresprobleme vorübergehend nicht verfügbar.«
Ich verriegelte die Tür, drehte den Schlüssel. Das Glöckchen schwieg beleidigt. Wir gingen nach hinten, zwischen Regale, Kartons und den alten Holzstuhl, auf dem Dan manchmal saß, wenn er Foki polierte und dabei Podcasts hörte.
»Haben wir alles?«, fragte Nora.
Ich klopfte mir auf die Taschen. Handy, Schlüssel, Portalstein, Schmerz. Check. »Ich hab’ alles, was mich nervt«, sagte ich. »Der Rest ist Luxus.«
Dan schob sich die Jacke zurecht, zog die Kapuze nicht hoch. Er mochte es, so zu tun, als wäre das alles Routine. »Was genau ist auf Catalina?«, fragte er.
»Hoffentlich nur ein sehr verwirrtes Wesen«, sagte Dragomira. Ich dachte an den Drachen im Flutkanal, an Risse im Schleier und an Noras Mutter, die am Hafen stand und versuchte, Touristen davon zu überzeugen, dass fremde Dinge im Meer nichts für Instagram waren.
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